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Abschied

Weiße Wolkenfetzen schattieren die ruhige Wasserfläche als ich die Brücke betrete.
Ruhigen Schrittes laufe ich, eine Hand haltsuchend über der Mauer führend, bis zu der Turmhaften Ausbuchtung zu ihrer Mitte.
Der frische Wind zerzaust mir dabei das blonde, schulterlange Haar. Er rauscht in meinen Ohren und verschluckt nahezu vollkommen den Lärm der befahrenen Straße die an dieser Stelle den Fluss quert.
Fast habe ich den seitlich vorspringenden Turm erreicht, welcher die Brücke etwa auf halber Strecke teilt. Wippend in den rythmisch heranstürmenden Böen stehe ich schließlich auf dem Vorsprung und schaue hinunter auf den spiegenden Wasserteppich.
Der Wind wirbelt Herbstlaub und Menschen mit krampfhaft umschlungenen Regenschirmen an meiner Bucht vorbei. Ein letzter Blick steift liebevoll über die Silhuette meiner Stadt, ihre unverwechselbaren Ecken, Kurven. Ein Umriss der sich in meine Biographie tätowiert hat und nur langsam in meinem Herzen verblassen wird.
Ich raffe den Mantel enger um meinen Körper, doch die kalte Luft lässt mich frösteln. Dann endlich entnehme ich einer Tasche den Plan.
Wie in Vogelperspektive überfliege ich die Stadt ein weiterers mal – es wird ein letzter sehnsüchtiger Blick bleiben. Eingeteilt in Planquadrate liegt sie mir zu Füßen, sie, mit der ich eins war.
Ich, der Teilhaben durfte an dem endlosen Strom an Bewohnern, an Blutkörperchen in diesem Organismus.
Sie war meine alte Geliebte, die ich Sehnsüchtig aus der Ferne liebte. Diese traumhaften Wunschvorstellungen, diese Schlösser, die aus nichts gebaut sind als Phantasie.
Doch kalt fährt auch hier der Herbst in die Glieder, und die glänzenden Fassaden sind auch nichts als Häuser, die von beschäftigten Menschen bewohnt werden.
Niemanden interessiert es, dass ich den Stadtplan anfange zu zerreissen. Wie Bilder einer gescheiterten Beziehung vernichte ich die Zeichen der Zeit. Die Strassennamen werden durchtrennt, die schon längst nicht mehr für sich stehen.
Nach und nach verarbeite ich die Erinnerung zu kleinen Schnippseln, kleinen Mundgerechten Bröckchen, die zu verdauen sind.
Mit der nächsten Böe treiben die Gedankenfetzen davon auf einer Welle rötlichbraunem Blattwerks.
All' die Pfeile, Kreuze und eingekreisten Strassen vereinen sich mit den Zeichen des vergangenen Sommers.
Und als ich die Brücke zur anderen Seite hin verlasse schaue ich nicht zurück.

19.1.08 01:32
 


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